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postheadericonSeegras – ein natürlicher Dämmstoff aus dem Meer

Publiziert am 4 März, 2013 unter Umwelt
Gute Nachrichten

Seegras wächst in einer Tiefe von bis zu zehn Metern auf dem Meeresgrund und stirbt jeden Herbst ab. Die Halme reißen ab und treiben Tonnen, des auf der ganzen Welt verbreiteten Seegrasgewächses (Zostera), an den Strand. Man hat große Mühen damit, das Gras zu entfernen um die Küsten für Touristen attraktiv zu machen. Gerade an der Ostsee ist das Seegras in großen Mengen vorhanden.

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Seegras am Heiligenhafener Meer an der Ostsee.
© Swantje Ludwig / pixelio.de

Alleine in der Gemeinde Scharbeutz (nördlich von Lübeck) müssen im Jahr 8000 Tonnen Seegras beseitigt werden. Man kann sich also in etwa vorstellen, welche gigantische Massen davon alleine an deutschen Küsten vorhanden sind.

Seegras gilt als Sondermüll, da es nur extrem schwer verrottet, nicht brennt und somit speziell entsorgt werden muss. Doch gerade diese und noch andere Eigenschaften machen das Gras zu einem perfekten Dämmmaterial.

Das getrocknete Seegras – man kann es auch Seeheu nennen – hat neben seinem angenehmen Duft weitere positiven Eigenschaften: Es kann, da es selbst aus dem Wasser kommt, auch gut damit umgehen. Wasser schadet dem Seegras nur, wenn es dauerhaft der Feuchtigkeit ohne jegliche Verdunstungsmöglichkeit ausgesetzt wird. Nur dann fängt auch dieses Gras an zu Schimmeln. Wenn das Seegras die Feuchtigkeit durch eine “diffusionsoffenen” Schicht mit Hinterlüftung wieder abgeben kann, gibt es keinerlei Probleme. Versucht man das Seeheu zum Brennen zu bringen, glimmt es lediglich kurz auf und erlischt schnell. Bei vielen “modernen” Baustoffen hingegen, ist es extrem gesundheitsschädlich, wenn ein Haus mit künstlichen Bau- und Dämmstoffen abbrennt und Luft sowie Grundwasser stark mit Schadstoffen belastet werden.
Auch Milben, Mäuse oder anderes Ungeziefer meiden das Meergras. Der Grund für all diese Eigenschaften ist der hohe Silikatanteil. Seegras muss somit nicht wie andere Dämmstoffe, wie zum Beispiel die aus Zellulose, mit Borsalz behandelt werden, um sie vor Feuer, Schimmel und Schädlingen zu schützen. Seegras passt sich allen Formen, Ecken und Nischen problemlos an. Man kann es lückenlos von Hand selbst verbauen.

Bevor das Gras weiterverwendet werden kann, wird es zum “Abwettern” einige Wochen auf Wiesen ausgebreitet, vom Regen gewaschen und von der Sonne und Wind, ganz natürlich getrocknet.

Zurück zu den Wurzeln: Das Seegras war auch früher, vor dem großen Erdölboom, ein beliebtes Material. In Deutschland wurde beispielsweise vor etwa 50 Jahren die Seegrasmatratzenproduktion eingestellt. Man findet heute noch Polstermöbel und Matratzen aus Seegraspolstern, die nach Jahrhunderten eine Qualität, fast wie neu geerntet, aufweisen. In Dänemark hatte die Seegrasproduktion ihre Hochzeit im Jahre 1913, als man acht Millionen Tonnen davon verarbeitete. Die nördlichste dänische Ostseeinsel Laesoe ist für ihre urigen Häuser mit Seegrasdächern bekannt, die zwischen 200 und 300 Jahre alt sind. Die Dächer sind dicker, schwerer aber auch langlebiger als die bekannten Reetdächer. Sie sehen aus wie Torf und sind mit bunten Wiesenblumen bewachsen. Das Seegras wurde sogar schon lange vor der Wikingerzeit als Dacheindeckung verwendet. Anfang des 1900 Jahrhunderts wurden dann in Europa und in den USA Dämmmatten aus doppellagigem Packpapier mit eingestepptem Seegras hergestellt, womit beispielsweise der Rockefeller Center in New York gedämmt wurde.

Bei der Seegrasverarbeitung wird ausschließlich das beste Material, ohne Sand, Müll oder älteren Seegrashaufen, vermischt, getrocknet und wie Heu zu Ballen gepresst. Dafür braucht man nicht etwa besondere Geräte. Es genügen normale landwirtschaftliche Maschinen, die quasi jeder Bauer besitzt. Dänische Bauern pflegen schon seit mehreren Generationen diese Tradition der Seegrasverarbeitung und gewinnen dadurch ein sehr hochwertiges Material. Auch Jörn Harje ist ein Seeheu-Fan und vertreibt derzeit das Gras aus Dänemark über einen schleswig-holsteinischen Seegrashandel. Wer Interesse hat, kann sich dort erkundigen und zu dem natürlichen Dämmstoff bekommen.

(Ab Minute 2:00 ist das Video veraltet, da es sich um eine Indiegogoaktion handelte, die schon letztes jahr abgelaufen ist.)

Wenn man das kostbare Meeresgeschenk sinnvoll nutzt kann es also als nachwachsender Rohstoff in Sachen Dämmmaterial verwendet werden und muss nicht etwa als Sondermüll gelten. Zudem ist das Geniale daran, dass man keine Anbauflächen braucht und somit Ackerland spart. In bin mir sicher, dass man auch in Zukunft wieder viel von dem Seegras, das einst so begehrt war, hören wird. So hat es das grüne „Abfallprodukt“ auch Forschern des Fraunhofer-Instituts angetan. Ihnen ist es nun gemeinsam mit Industriepartnern gelungen, die schadstofffreien Fasern zu Dämmwolle zu verarbeiten. Einen interessanten und ausführlichen Artikel zu diesem Thema findet ihr hier.

 

Quelle: sonnenseite.com; fraunhofer.de